Das Grundstück stellte die Stadt Iserlohn zur Verfügung. Das Gelände umfasst ca. 5000 qm, auf dem bisher 17 Häuser gebaut wurden in kindgerechter Größe (jedoch passen auch Erwachsene hinein, so lange es nicht zu viele sind!) Auf dem Gelände der Feuerwehr Iserlohn entstand ein Übungsdorf, das Kindern und Erwachsenen die Möglichkeit bietet, Erfahrungen zu machen u.a. im Umgang mit Brandsituationen, Erste Hilfe bei medizinischen Notfällen und bei häuslichen Gefahren.

Die Mitglieder des Fördervereins Kinderbrandschutz und viele ehrenamtliche Helfer erbrachten eine kaum vorstellbare Eigenleistung beim Bau und Ausbau der Gebäude, der Straßen und des Außengeländes. Mit großer Hartnäckigkeit und durch unzählige Gespräche ließen sich zahlreiche Sponsoren von der Idee „Floriansdorf“ anstecken. Auf diesem Wege konnte so das Geld für die Gebäude und den Außenbereich aufgebracht werden.
 
1993 Die Feuerwehr Iserlohn unternimmt erste Schritte in Richtung Brandschutzerziehung.
1994 Gründung des Fördervereins Kinderbrandschutz.
1996 Erste Einsätze eines Infomobils an Schulen und Kindergärten. Ein selbst erstellter Lehrfilm erhält einen internationalen Preis.
1997 Rund 1000 Kinder werden im Rahmen von Projektwochen, Familienseminaren und Infoveranstaltungen erreicht.
1998 Grundsteinlegung - und dank der Unterstützung zahlreicher ehrenamtlicher Bauhelfer und Sponsoren bereits
2000 Eröffnung des Floriansdorfes.



Außergewöhnliches Brandschutzprojekt

und großstädtische „Event Location“:

Das Floriansdorf in Iserlohn
 

von Ralf Keine


Die Berufsfeuerwehr im westfälischen Iserlohn macht seit rund zwanzig Jahren mit neuen Ideen im Bereich der Brandschutzerziehung und –aufklärung Furore. Motor der Entwicklung ist Hauptbrandmeister Ralf Schulte. Seine Ideen reichen von poppigen Brandschutzliedern auf Musikkassetten und CDs über preisgekrönte Brandschutzfilme für Kinder bis hin zum Brandschutzdorf für Kinder. Und was als Projekt der Brandschutzerziehung begann, ist heute zu einem echten „Event Place“ für alle Altersschichten geworden. Sogar ganz besondere Gottesdienste werden im Floriansdorf regelmäßig abgehalten…

 

Die Berufsfeuerwehr in Iserlohn scheint ein guter Nährboden für ungewöhnliche Lösungen zu sein. So gründete man hier 1972 die erste und bisher einzige Jugendfeuerwehr in Deutschland, die nicht wie üblich, einer FF, sondern direkt der Berufsfeuerwehr angegliedert war und bis zum heutigen Tage ist.

Anfang der 1990er Jahre nahm man sich in Iserlohn verstärkt dem Thema Brandschutzerziehung an. Hauptbrandmeister Ralf Schulte ärgerte sich dabei über fehlendes brauchbares Material und in Deutschland kaum vorhandene Konzepte und beschritt neue Wege.

Kinder singen für den Brandschutz

Erstmals macht Schulte mit einem besonderen Konzept auf sich aufmerksam, als er 1993 mit einer Gruppe von Kindern in das professionelle Tonstudio von Henning Gehrke geht und Lieder zur Brandschutzerziehung einspielen lässt, die aus der Feder des Iserlohner Feuerwehrmannes Jörg Wilhelm stammen. Der Clou an den Liedern: sie kommen nicht als typische Kinderlieder daher, sondern sind teils poppig und rockig. Manch ein Erwachsener bemerkt erst beim zweiten und dritten Hören, dass es sich bei „Vergeude keine Zeit“ oder „Wo, was, wer“ um Lieder zur Brandschutzerziehung handelt. Das Konzept geht auf. Die Lieder werden vom Tonstudio professionell auf Musikkassetten überspielt – und entwickeln sich zum Verkaufsschlager! Bei Ralf Schulte in der Iserlohner Feuerwache steht nun das Telefon nicht mehr still. Es sind Rückmeldungen von Erziehern und Eltern, die wahlweise das tolle Konzept der Lieder loben oder sich darüber beschweren, dass ihre Kinder seit Wochen den ganzen Tag lang nur noch diese Kassette laufen lassen!

Von diesem ersten großen Erfolg angetrieben, widmet Ralf Schulte nun seine ganze Kraft dem Thema Brandschutzerziehung. Das geschieht quasi „ehrenamtlich“, neben seinem eigentlichen Beruf als Brandbekämpfer bei der Berufsfeuerwehr. Er entwirft Plakate und Konzepte, führt Aktionen in Schulen, Kindergärten und der Stadtbücherei durch und lässt 1995 ein Mini-Feuerwehrauto mit Rasenmähermotor als Antrieb bauen, das nun z.B. in der Iserlohner Fußgängerzone, oder auch in Frankfurt am Main für den Kinderbrandschutz der Iserlohner Feuerwehr wirbt. Fast nebenbei gründet er noch einen Förderverein für den Kinderbrandschutz. Über diesen beschafft er dann u.a. einen VW-Bus, mit dem Kinder zur Iserlohner Feuerwache geholt werden können. Gründungsmitglieder des Vereins sind neben Schulte seine Kollegen Sven Bals, Udo Berger, Jens Erl und Jörg Wilhelm sowie Thomas und Karin Reunert, Gisela Sosna und Ulrich Steden.

Der Film – besser als die „Sesamstraße“

Doch Schulte hat schon wieder ein neues Projekt fest im Blick: er will eine professionelle Videoproduktion zum Thema. Wochenlang wechseln sich nun Dreharbeiten und „Klinken putzen“ bei möglichen Sponsoren ab.

Mit Kameramann Rainer Gosert, zwölf Kindern, Einheiten der Iserlohner Feuerwehr und einigen Laiendarstellern entstehen Episodenfilme, die Kindern das Verhalten beim Bemerken eines Brandes, das richtige Absetzen eines Notrufes und die Arbeit von Feuerwehr und Rettungsdienst näher bringen. Ende November 1996 kann das Ergebnis der Öffentlichkeit vorgestellt werden: eine Videokassette mit einstündiger Laufzeit, die abschließend auch die Arbeit der Werkfeuerwehr des Iserlohner Chemiebetriebes Bakelite (heute: Hexion) zeigt. Auch die Videokassette kann bei der Iserlohner Feuerwehr käuflich erworben werden und wird schnell zu einem Erfolg.

Bei einem Internationalen Wettbewerb, dem „Video Fuego“ in Spanien, tritt die Iserlohner Filmproduktion 1997 als einzige Amateurproduktion gegen internationale Profis an – und holt den ersten Platz, noch vor der amerikanischen Sesamstraße! Das ZDF, der WDR oder das Kinder-Nachrichtenmagazin „logo“ geben sich nun auf der Iserlohner Feuerwache „die Klinke in die Hand“, um über die Ideen der Iserlohner zur Brandschutzerziehung zu berichten.

Der „Griff nach den Sternen“: Floriansdorf

Doch Ralf Schulte hat sein Pulver noch nicht verschossen. Nachdem der Rat der Stadt in seiner letzten Sitzung des Jahres 1997 „grünes Licht“ gegeben hat, geht er mit seiner revolutionärsten und größten Idee im Januar 1998 an die Öffentlichkeit. Auf einer riesigen Wiese zwischen Feuerwache und der A46, die von der Feuerwehr als Sport- oder Hubschrauber-Landeplatz genutzt wird, will Schulte ein „Brandschutz-√úbungsdorf für Kinder und Jugendliche“ bauen. Die Kosten veranschlagt er zunächst mit 800.000 DM. Die Idee polarisiert; stößt auf begeisterte Zustimmung oder verständnislose Ablehnung. Schulte muss für seine Pläne werben. Bei der Feuerwehrführung. Bei Politikern. Und bei potenziellen Sponsoren. Sein Ansatz: Sponsoren zahlen nicht „blind“ in einen Finanztopf, sondern bezahlen konkrete Einzelobjekte des Dorfes und übernehmen auch die weitere Patenschaft, z.B. für spätere Reparaturen oder Renovierungen des speziellen Objektes.

Der Plan geht auf. Im Frühjahr 1998 beginnen die Bauarbeiten, nachdem z.B. die Firma Minimax 35.000 DM für das Rathaus des Floriansdorfes übernimmt. Der erste große Baueinsatz erfolgt im Rahmen der Aktion „72 Stunden ohne Kompromiss“: Tag und Nacht arbeitende Pfadfinder bauen die Arena, heute einer der zentralen Plätze des Dorfes.

Nachdem die ersten Häuschen im Rohbau stehen, ruft Schulte, dem die Entwicklung zu langsam geht, die nächste Mammut-Arbeitsaktion ins Leben. Die beteiligten Firmen sind dagegen, weil sie das nicht für durchführbar halten. Doch Schulte setzt sich durch. Rund 200 Helfer und 15 Firmen begeistern sich so sehr für die Idee des Kinderbrandschutzdorfes, dass die ehemalige Wiese hinter der Feuerwache schnell zu einer Großbaustelle wird, auf der unentwegt gewerkelt wird: Helfer pflanzen Setzlinge in die Erde, Handwerker hämmern am Kupferdach der Kirche, Radlader fahren durchs Gelände.

Bis zum September 1998 sind bei regulärem Arbeitsansatz bereits 1 Million Mark verbaut, eine weitere halbe Million Mark fehlt noch. 7 von 15 Häusern sind zu diesem Zeitpunkt errichtet. Auch wenn das Dorf bereits deutliche Formen angenommen hat; die Zeit sitzt den Helfern und Firmen im Nacken. Am 19. Dezember `98 soll das Dorf mit einem Weihnachtsmarkt offiziell eröffnet werden. Um die Finanzierungslücke weiter zu schließen, findet im September noch ein sechsstündiges Benefizkonzert mehrerer Rockbands in der Iserlohner Parkhalle statt. Bereits im Frühjahr war in der Parkhalle ein volkstümliches Konzert unter der Leitung von Siegfried Karow und dem Waldstadtorchester zugunsten des Floriansdorfes organisiert worden.

Fast „nebenbei“ produziert Schulte dann auch noch mit der „Kiddy's Corner Band“ (u.a. mit Musikern der ehemaligen NDW-Band „Extrabreit“) eine neue CD mit Liedern zur Brandschutzerziehung und organisiert den „1. Deutschen Kinderbrandschutztag“ in Iserlohn, der in der Fachpresse umfangreiche Beachtung findet.

Die Fertigstellung des Dorfes bis zur offiziellen Eröffnung gelingt nicht. Aber mit immerhin 9 von geplanten 15 Häusern findet am 19. Dezember 1998 der ganztägige Weihnachtsmarkt statt, bei dem die Iserlohner Bürger den „neuen Stadtteil“ erstmals in Augenschein nehmen können. Das Dorf wird von den Bürgern begeistert angenommen. Was bisher aufgebaut wurde, kann sich aber auch sehen lassen: alle Häuser haben zwar einen verkleinerten Grundriss, aber Geschosse in Stehhöhe von Erwachsenen. Sie sind durchgängig mit Strom-, Wasser-, Abwasser- und Telefonanschlüssen ausgestattet; ebenso sind alle Häuser an eine Brandmeldeanlage angeschlossen. Die Straßen sind gepflastert, die Grünanlagen bepflanzt. Straßenbeleuchtung, eine Tankstelle, eine Telefonzelle, ein Dorfplatz und ein Dorfteich sind vorhanden; ein Beachvolleyball-Feld ist geplant. Für Schulte heißt es, weiter um Sponsoren zu ringen. Die zeitlich gesetzten Ziele sind jedoch nicht mehr zu erreichen.

Im Dezember 1999 findet der nächste öffentliche Weihnachtsmarkt im Floriansdorf statt; nun stehen zwölf Häuser. Diese haben es jedoch buchstäblich „in sich“. Die Kirche wurde mittlerweile geweiht, in ihr finden auch Taufen und Trauungen statt. Im „McDonalds“-Haus befindet sich eine komplett eingerichtete Küche für das Catering bei Veranstaltungen im Dorf. Im Funkhaus des Regionalsenders „Radio MK“ befindet sich ein voll funktionsfähig eingerichtetes Rundfunkstudio, von dem aus nicht nur das Dorf mit Musik und Durchsagen beschallt werden kann, sondern aus dem sogar regelmäßig live gesendet wird.

Im „Mitmach-Museum“ können Kinder Wissenswertes über den Brandschutz vergangener Tage erfahren und buchstäblich begreifen, z.B., wenn sie eine Eimerkette vom Dorfteich ins Dorf hinein bilden sollen. Auch das gefahrlose Ausprobieren einer echten Feuerwehr-Rutschstange ist hier möglich. Ein Museumspädagoge zeigt, wie das Feuermachen in der Steinzeit funktionierte und bringt den Kindern die Kulturgeschichte des Feuers näher. In einem Giftpflanzengarten können Kinder und Jugendliche alles über heimische Giftpflanzen erfahren.

In der Feuerwache gibt es mittlerweile drei Fahrzeuge, darunter einen Rettungswagen. In der „Leitstelle“ der Feuerwache laufen alle Telefone aus dem Floriansdorf auf. Wie bereits erwähnt, sind alle Gebäude des Dorfes mit echten Brandmeldeanlagen ausgestattet. Die Alarme laufen außerhalb der Betriebszeit des Floriansdorfes in der realen Leitstelle der Iserlohner Berufsfeuerwehr auf. Während des Übungsbetriebes kann der Empfang der BMA-Alarme in die Leitstelle der Feuerwache im Floriansdorf umgeschaltet werden.

Am 27. August 2000 ist es dann endlich soweit. Im Rahmen des Tages der offenen Tür der Berufsfeuerwehr wird nun auch das endlich fertig gestellte Kinderbrandschutzdorf als „Zentrum für Sicherheitserziehung und Aufklärung“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Auch ein Krankenhaus und eine Polizeiwache gibt es nun. Nachdem das Riesenprojekt samt Brandschutzerziehung bei der Iserlohner Feuerwehr bisher „nebenbei“ mitlief, wird nun bald über eine Professionalisierung beraten; eine Planstelle soll geschaffen werden. Diese wird jedoch im Mai 2001 vom Rat der Stadt abgelehnt, was jedoch die Presse auf den Plan ruft, die über Wochen hinweg den Rat der Stadt für diese Entscheidung an den Pranger stellt. Sogar das ARD-Magazin „Brisant“ berichtet.

Ein Kompromiss für die Planstelle kann schließlich gefunden werden, nachdem die Provinzial-Feuerversicherung die volle Gegenfinanzierung der Stelle zusagt; es wird nun für die Jahre bis 2004 eine Stelle für die Leitung des Floriansdorfes eingerichtet. Im März 2004 wird die Stelle endgültig festgeschrieben. Im Dezember 2004 bewilligt der Rat sogar noch eine weitere Planstelle für das Projekt.

Mit der Stadt Iserlohn traf man übrigens die Vereinbarung, dass der Schirmherr des Floriansdorfes immer der amtierende Bürgermeister ist. So hatte das Dorf bisher drei Schirmherren: Fritz Fischer bis 1999, danach Klaus Müller bis Oktober 2009. Seit November 2009 liegt die Würde bei Dr. Peter-Paul Ahrens.

Stolz der Iserlohner: Alexanderhöhe

Ein weiteres, ganz besonderes Haus des Floriansdorfes wird im Juni 2002 eingeweiht, das Herz eines jeden echten Iserlohners trifft: der verkleinerte Nachbau der „Parkhalle“ auf der „Alexanderhöhe“. Pate gestanden beim Bau hat der Iserlohner Bürger-Schützenverein IBSV, der größte Schützenverein der Stadt mit Horst Fischer an der Spitze.

Zum Hintergrund: Die „Alexanderhöhe“, etwas oberhalb der Stadt am Rande des Stadtwaldes gelegen, ist seit Alters her ein beliebtes Ausflugsziel der Iserlohner. 1863 wird hier die „Alte Halle“ und 1899 die „Neue Halle“ gebaut. Dazwischen gibt es Gartenanlagen, von denen man heute nur noch träumen kann. Die Hallen mit ihren Außenanlagen sind Veranstaltungsstätten für Theaterauf-führungen, Sportveranstaltungen und Schützenfeste. Die große freitragende Festhalle, die bis zu 4000 Personen fasste, wurde in ihren Ausmaßen von 86 x 26 Metern damals nur vom Kölner Gürzenich übertroffen! In der Nacht zum 15. Februar 1970 besiegelt sich aber das Schicksal der Alexanderhöhe. Nur eine Stunde nach dem Ende einer Boxsportveranstaltung steht die „Alte Halle“ im Vollbrand; die Feuerwehr kämpft trotz Gesamtalarms auf verlorenem Posten.

Heute wird die Alexanderhöhe vom „Parktheater“ dominiert; einem kastenförmigen Zweckbau. Den Verlust der alten Alexanderhöhe haben die Iserlohner nie richtig verwunden. Umso begeisterter sind sie von der Miniatur-Replik im Floriansdorf, in deren Inneren sich heute ein Lehrsaal mit moderner Medientechnik befindet.

Der Bau war im Vergleich zu den übrigen Häusern des Floriansdorfes nicht nur außerordentlich teuer, sondern auch ordentlich schwierig. So schien es anfangs nicht möglich, in Deutschland einen Dachdecker oder Spengler zu finden, der altes Handwerk beherrscht und die alten Dachzinnen aus Kupfer nachbauen kann. Der Bau hat viel Zeit, Geld und Nerven gekostet, aber er hat sich wirklich gelohnt.

Ein weiterer, viel beachteter Neubau wird 2004 in Betrieb genommen: im von der Provinzial geför-derten „Sinnsorium“ lernen Kinder, ihre Sinne, wie Tast-, Gleichgewichts-, Gehör- oder Geschmacks-sinn zu schärfen.

Im Frühjahr 2006 ist dann Baubeginn für das „Haus der Gefahren“, in dem die Kinder nach Art eines „begehbaren Bilderbuches“ kindgerecht die verschiedenen Gefahrenquellen eines Hauses kennen lernen sollen. Unterstützung hierfür kommt von der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder, Safe Kids Worldwide, der Alcoa Foundation und der Firma Johnson & Johnson („Penaten“).

Jugendfeuerwehr soll ins Dorf

Derweil kommt eine weitere Nutzung für das Floriansdorf in die Überlegung. Die 1972 gegründete Iserlohner Jugendfeuerwehr stellte eine bundesweite Besonderheit dar; war sie doch die einzige JF, die nicht einer Freiwilligen Feuerwehr, sondern direkt der Berufsfeuerwehr angegliedert war. Ein Erfolgsmodell, das der Jugendfeuerwehr steten Zulauf brachte. Anfang der 90er war die JF jedoch wegen umfangreicher Umbau- und Erweiterungsarbeiten an der Wache der Berufsfeuerwehr, die sich über Jahre hinziehen sollten, zu einer FF in einem eher ländlichen Stadtteil im Norden der Stadt „ausgelagert“ worden. War die zentral gelegene Hauptfeuerwache für die Jugendlichen gut erreichbar, ist es nun deutlich schwieriger, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Gruppenabenden zu kommen. Die Mitgliederzahl der Jugendfeuerwehr bricht im Laufe der Jahre immer dramatischer ein.

Die Lösung soll nun ein „Gerätehaus“ werden, das für die Jugendfeuerwehr am Rande des Floriansdorfes gebaut werden soll. Es soll einen Schulungsraum, Sanitärräume und Garagen für die beiden JF-eigenen Fahrzeuge bieten. Im November 2008 kehrt die Jugendfeuerwehr dann tatsächlich zum Standort der Berufsfeuerwehr zurück und kann ihr eigenes Gerätehaus am Rand des Floriansdorfes beziehen.

Floriansdorf findet Nachahmer

Von Anfang an ist das Projekt Floriansdorf auch weit über die Grenzen Iserlohns hinaus auf großes Interesse gestoßen. Presse, Fachmagazine und Fernsehsender berichteten regelmäßig und „hoher Besuch“, z.B. in Form von Abgeordneten des EU-Parlamentes, sagte sich häufiger mal an.

Früh meldet bereits die Berufsfeuerwehr Aachen Interesse an, ebenfalls ein Floriansdorf nach Iserlohner Vorbild zu errichten. Im November 2001 kommt eine Delegation aus dem sachsen-anhaltinischen Gröbern nach Iserlohn, wo man ähnliches plant. Im März 2003 besichtigt eine Gruppe aus dem holländischen Almelo das Dorf; auch hier trägt man sich mit dem Gedanken eines Nachbaues. Im August 2004 folgt eine Expertengruppe aus Korea; hier plant man in Taebaek gleich einen ganzen Sicherheits-Erlebnis-Themen-Park nach dem Vorbild des Floriansdorfes. Die Koreaner schicken dann auch gleich zwei Praktikanten für jeweils drei Monate nach Iserlohn. Im Dezember 2004 folgt eine weitere koreanische Gruppe aus der Stadt Daegu, wo der Brandschutz seit dem U-Bahn-Brand mit über 100 Toten ein sensibles Thema geworden ist.

Immer weitere Feuerwehren und Städte planen eine Kopie des Iserlohner Brandschutzdorfes. So informieren sich u.a. Delegationen aus Hannover, nochmals Korea, Berlin, Hamburg, Forchheim und Karlsbad (Tschechien). Mit Karlsbad wird ein Kooperationsvertrag geschlossen und es erfolgt ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch.

Mehmet Öcalan aus Istanbul besucht zwei Mal das Floriansdorf. Sein Plan ist, in Istanbul 15 Floriansdörfer nach Iserlohner Vorbild zu bauen. Öcalan ist "nur" Stadtteil-Bürgermeister von Esenler; allerdings ist dieser Stadtteil von Istanbul mit 700 000 Einwohnern gleich gut sechs Mal so groß wie ganz Iserlohn.

„Feuerwehrfremde“ Veranstaltungen

Das Floriansdorf, spätestens nach dem Bau der „Alexanderhöhe“ wirklich von jedem Iserlohner ins Herz geschlossen, wird nun auch unabhängig von der Brandschutzerziehung zu einem interessanten und zentralen Veranstaltungsort. Die erste „feuerwehrfremde“ Veranstaltung findet im September 2002 statt, als in Zusammenarbeit mit dem Ski-Club Iserlohn ein Vorbereitungskurs für Kinder und Jugendliche für die kommende Ski-Saison gegeben wird. Wenig später, im November, gibt es eine öffentliche Sankt-Martins-Aufführung.

Zu etwas ganz „exotischem“ kommt es am Florianstag (4. Mai) 2003: an diesem Sonntag feiert man im Floriansdorf unter freiem Himmel den ersten Tiergottesdienst! Ein evangelischer und ein katholischer Pfarrer führen den Gottesdienst gemeinsam durch, zu dem die Iserlohner ihre Haustiere mitbringen können und bei dem die Tiere auch besonders im Mittelpunkt stehen. Das ungewöhnliche Konzept ist auf Anhieb ein voller Erfolg. Der Tiergottesdienst wird nun in jedem Jahr durchgeführt. Die Kollekte kommt übrigens je zur Hälfte dem Floriansdorf und dem Tierheim in Iserlohn zu Gute. Die Idee zu dieser außergewöhnlichen Veranstaltung hatte Thomas Reunert vom Iserlohner Kreis-anzeiger.

Es folgen ein Mitmach-Konzert für Kinder und in Zusammenarbeit mit dem Iserlohner Kulturbüro und dem Förderverein Parktheater eine Aufführung des „Froschkönigs“ und im Sommer 2006 mehrere Veranstaltungen des Iserlohner Theatersommers. Selten weist eine Veranstaltung weniger als 300 Besucher auf. Im Januar 2007 kann Ralf Schulte melden, dass das Floriansdorf bereits über 200.000 Besucher gehabt hat. In diesem Jahr findet bereits der 5. Tiergottesdienst statt, das Kindertheater „Don Kid Schote“ tritt auf. Zum Familienfest mit „Radio MK“ kommen Tausende, u.a. zum Sandburg bauen. 1700 Jugendliche stürmen das Brandschutzdorf zum Musikfestival „Come together“, das von „Radio MK“ ausgerichtet wird. Hier treten u.a. die Band „Echt“ und der Teenie-Schwarm Martin Stosch von DSDS auf.

Und auch im Jahr 2008 gehen Schulte und seinem Team die Ideen nicht aus. Zusammen mit dem Kulturbüro der Stadt richtet man eine „Brandschutzparty“ im Dorf aus, zu der sogar der WDR ein Kamerateam schickt. 500 Besucher lockt das Spektakel an. Weil im Vorjahr erfolgreich, tritt auch „Don Kid Schote“ wieder an. Der 6. Tiergottesdienst scheint nun auch für die Prominenz interessant zu sein; er wird von „Fernsehpfarrer“ Jürgen Fliege geleitet. Eine Woche nach dem „6. Iserlohner Tiergottesdienst“ beginnt mit dem „1. Iserlohner Biker-Gottesdienst“ etwas Neues im Reigen der Kulturveranstaltungen des Floriansdorfes.

Einen Besucherrekord erreicht die Neuauflage von „Come together“: rund 3000 Jugendliche kommen zur Feuerwache, um u.a. „BeFour“, „Luxuslärm“ oder die Mädchenband „Monrose“ live zu erleben. Obwohl bei dieser Veranstaltung kein Tropfen Alkohol fließt, ist sie für die Teens „total cool“, wozu u.a. der eigens eingerichtete „Elternhort“ und der Bustransfer durch die MVG innerhalb des Märkischen Kreises beigetragen haben dürften.

Aber auch über das Floriansdorf hinaus entwickeln sich Aktivitäten. In einer Aktion die in Zusammen-arbeit mit dem Iserlohner Seniorenbeirat aufgezogen wird, kennzeichnet man die Wege im Iserlohner Stadtwald mit Namensschildern. Das soll dazu dienen, Spaziergängern bei Notfällen die Möglichkeit zu geben, ihren Standort im Wald zu beschreiben und somit die Hilfe schneller heranführen zu können. Die Aktion findet allgemein, speziell aber auch in der Presse, hohe Anerkennung.

Schlussbetrachtung

Was als mitunter belächeltes Projekt begann, hat sich zu einer anerkannten und weltweit beachteten Einrichtung der Kinderbrandschutzerziehung gemausert. In Aachen hat das zweite Floriansdorf seinen Betrieb aufgenommen, weitere werden folgen.

Daneben hat sich das Floriansdorf, zunächst gar nicht so geplant, zu einem wichtigen Kulturträger der Stadt Iserlohn und darüber hinaus entwickelt. Und damit ist der Feuerwehr Iserlohn und speziell Ralf Schulte, salopp gesagt, der „Hattrick“ gelungen. Denn die emotionalen Bindungen die hier entstehen, sind nicht zu unterschätzen. Ob Kindertheater, Rockkonzert, Tier- oder Biker-Gottesdienst: sie alle bringen den Bürger nah an seine Feuerwehr heran und schaffen quer durch alle Alters- und Bevölkerungsschichten eine positive Grundhaltung. Das Iserlohner Floriansdorf verbindet Kultur, Erziehung und Freizeitspaß in gleichem Maße und ist so neben seinem eigentlichen Auftrag, der Brandschutzerziehung, zu einem der vielseitigsten Kulturträger im gesamten Märkischen Kreis geworden.

Zumindest in den größeren Städten sind die Zeiten vorbei, in denen die Feuerwehr mit Musikzügen oder der „Feuerwehrkerb“ zum Kulturleben beigetragen hat; die Jugend der Städte ist hiermit nicht mehr zu erreichen. In Iserlohn scheint man nun einen zeitgemäßen Weg gefunden zu haben.

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